Bayernland

Aus „Das Bayernland“ (Illustrierte Wochenschrift für Bayerns Volk und Land) Nr. 43, 14. Jahrgang 1903

Kallmünz, die Perle des Naabtales von J. B. Laßleben, Volksschullehrer

Der bekannte Münchener Landschaftsmaler, Herr Professor Charles J. Palmié war es, der im Lenze des Jahres 1901 den Malerwinkel Kallmünz entdeckte, den Schleier über seinem „Dornröschen“ einem größeren Publikum gegenüber lüftete und durch mehrere Serien künstlerischer Ansichtspostkarten, deren Reinerlös zu Anpflanzungs- und Verschönerungszwecken verwendet wird, dessen Reize enthüllen.

VI. Zum Schlusse seien noch dem Erwerbsleben der Gegend einige Zeilen gewidmet.

Das eigentliche Gewerbe ist nach keiner Richtung hin besonders entwickelt. Vor hundert und mehr Jahren muss es unbedingt auf einer höheren Stufe gewesen sein, denn die sog. Altertumshändler haben in den letzten drei Jahrzehnten eine Unmasse von schön gearbeiteten alten Schränken, Schildern, Schlössern, Öfen usw. aus Kallmünz geschleppt.

Den breitesten Rahmen im Gewerbebetriebe nehmen dahier die Erzeuger des Nationalgetränkes ein. Kallmünz besitzt, wie fast alle Städte und Märkte der Oberpfalz, das sog. Kommunebraurecht, das wohl heutzutage von keinem Volksfreunde mehr gesegnet werden dürfte. Nicht weniger als 22 Wirte und Kommunebrauer und zwei Besitzer von Privatbrauereien sorgen für den Durst der 1300 Einwohner des Marktes - In ein neues Stadium trat das Erwerbsleben mit der Hebung des Fremdenverkehrs. Besonders die längere Anwesenheit vieler Künstler und Künstlerinnen, in der letzten Saison zählte die Künstlerkolonie Kallmünz 38 Mitglieder, wird von der Bevölkerung hochwillkommen geheißen. Daß aber der Aufenthalt der Künstler auch eine große Zahl anderer Fremder hierher lockt, ist klar. Um den Fremdenverkehr dauernd zu fesseln und stetig zu steigern, ist es aber unbedingt noch nötig, daß die Wirtschafts-verhältnisse noch verbessert und modernisiert werden.

Ein Anfang hierzu ist bereits im vergangenen Sommer gemacht worden. Das Gasthaus, in dem die Künstler zumeist verkehrten und welches der neue Gasthof
„Zur Roten Amsel“, oder im Volksmunde das „Künstlerheim“ heißt, hat einen den Anforderungen der Zeit entsprechenden Neubau mit Speiselokal und modern eingerichteten Fremdenzimmern erhalten.

Die künstlerische Ausstattung ihres Heimes haben die Münchener Künstler Professor Palmié, Adalbert Niemeyer, Richard Falkenberg, Robert Engels und Ernst Stern in der uneigennützigsten Weise übernommen und ganz originell gelöst.

In seinem „Künstlerheim“ besitzt Kallmünz wirklich eine sehenswerte Rarität, eine wertvolle Ergänzung der Landschaftlichen Reize und er historischen Altertümer und Merkwürdigkeiten, die zirka 25 m lange Front der Gebäulichkeiten hat künstlerischen Schmuck erhalten.

Der Hauptgiebel ist im Zopfstile gehalten. Fenster und Türen sind mit Blumen und Girlanden reich geschmückt. Die Mitte nimmt ein 3 m hohes Bildnis des
hl. Willibrodus ein, das Herr Professor Palmié in Öl malte. Originell sind die in die Mauer eingelassenen Kugeln, die zumeist bestimmt sind, den Vögeln als Wohnung zu dienen. Den Giebel des Nebenhauses schmückt ein Werk des Herrn Kunstmalers Falkenberg, den Kallmünzer Postomnibus samt Postillon und Pferden darstellend. Dieser Realistik ist entgegengesetzt der Wandschmuck des Neubaues, der im Jugendstile gehalten ist. Mit Früchten beladene Orangenbäume umgeben den Betreter des Bal-kons, und über dem Saaleingang ziert ein in modernster Ausstattung gehaltenes Werk des Herrn Kunstmalers Engels die Wandfläche. Es stellt ein Kuhgespann dar, geführt von einer drallen Dirne (Porträt). Sämtliche Bilder sind sehr sorgfältig ausgearbeitet und werden allgemein bewundert. Der geräumige, prachtvolle Speisesaal ist mit Reproduktionen älterer und neuerer Meister geschmückt. Von seinen großen Bogenfenster aus hat man einen schönen Ausblick auf eine reizende Landschaft.
Der Fremdenverkehr, der heutzutage von so vielen Orten unter Aufbietung aller Kräfte erstrebt wird, ist unserem Markt als reife Frucht von selbst in den Schoß gefallen. Wenn die Bevölkerung die Situation erfaßt, sich dem frischen Zuge anpaßt und ihn tunlichst fördert, dann geht der Ort einer Blütezeit entgegen. Das Hauptverdienst hieran würde aber nur den „Künstlern“ gebühren.

 
 
 

     

Zur Roten Amsel - Gaststätte und Biergarten in Kallmünz -